Noah Okafor: Die rasante Entwicklung

  • 29.07.2019

Bei den «Final Four» der UEFA Nations League debütierte Noah Okafor in der Verlängerung des kleinen Finals gegen England für das Schweizer Nationalteam. Es war der Schlusspunkt einer rasant verlaufenen Saison 2018/2019, in der Okafor im Schnellzug ans Ziel kam.

Noah Okafor hat den Jahrgang 2000. Er ist ein Milleniumskind. Und so muss er im dritten Jahrtausend jeweils nicht lange überlegen, wenn es um sein Alter geht. Im Mai 2019 wurde er folgerichtig 19 Jahre jung – und er ist nun der erste Schweizer Fussballer seines Jahrganges, der den Weg bis ins A-Nationalteam geschafft hat. Okafor war mal wieder im richtigen Moment am richtigen Ort. Breel Embolo musste für die «Final Four» der UEFA Nations League in Portugal kurzfristig absagen, weil er in den USA noch einmal Nachwehen seiner Verletzungen beseitigen lassen musste.

Okafor schien Nationaltrainer Vladimir Petkovic nach einer überzeugenden Saison mit dem FC Basel 1893 jener Mann mit jenen Qualitäten, der den Ausfall am ehesten kompensieren könnte. Im Spiel um Rang 3 gegen England kam Okafors Moment. In der 113. Minute der Verlängerung ersetzte er – als erlaubter vierter Einwechselspieler - den entkräfteten Schweizer Stossstürmer Haris Seferovic. Es waren die ersten sieben Minuten im rot-weissen Trikot des A-Nationalteams. Und es war ein Pflichtspiel, das heisst, es war auch ein bewusster Entscheid des nigerianisch-schweizerischen Doppelbürgers für die Schweiz.

Die Saison hatte für Noah Okafor als Perspektivspieler beim FC Basel 1893 und als Schweizer U-19-Nationalspieler im Team von Auswahltrainer Heinz Moser begonnen. Beim  Heim-Qualifikationsturnier im Oktober in Basel war Okafor mit seiner Geschwindigkeit am Flügel ein wesentlicher Faktor für den erfolgreich beschrittenen Weg Richtung Elite-Runde. Dort stand Okafor im März dieses Jahres wieder im Einsatz, doch die Schweizer konnten nach der 0:3-Startniederlage gegen Israel in den Spielen gegen Frankreich (2:3) und Polen (0:0) nichts mehr ausrichten.

Das Versprechen der 2000er

Es war eine leichte Enttäuschung, denn der Jahrgang 2000 wurde innerhalb des SFV immer als vielversprechend eingestuft. Spieler wie Nishan Burkart, Lorenzo Gonzalez, Ruben del Campo oder André Barbosa lassen sich im Ausland ausbilden, Captain Kastriot Imeri gehörte beim Servette FC zum Stammpersonal, Yannick Marchand vom FC Basel 1893 hat auch schon seine ersten Einsätze in der ersten Mannschaft hinter sich. Doch eine EM-Endrunde haben die 2000er weder auf U-17- noch auf U-19-Stufe erleben dürfen.

Noah Okafor hat noch kein einziges Spiel für eine U-20- oder U-21-Auswahl bestritten und wurde nun direkt von der U-19 ins A-Nationalteam befördert. Das ist aussergewöhnlich und gewiss nicht das schlechteste Zeichen für die Entwicklung, die der Offensivspieler vor allem in den vergangenen zwölf Monaten hinlegen konnte. Es war der 19. Mai 2018, als er noch unter Trainer Raphael Wicky im letzten Saisonspiel der Super League seine Premiere beim FC Basel 1893 erlebte.

Wenige Monate zuvor hatte er erstmals das Wintertrainingslager mit der ersten Mannschaft in Marbella mitgemacht, kurz darauf stattete ihn der damalige Sportchef Marco Streller mit einem Vertrag bis 2023 aus. «Noah Okafor ist ein sehr vielseitig einsetzbarer Spieler, ein grosses Talent aus unseren eigenen Reihen. Etliche Top-Clubs in Europa zeigten konkretes Interesse an ihm, deshalb sind wir sehr glücklich dass er sich zum FCB bekannt hat und wir ihn weiter an uns binden konnten», sagte Streller damals.

Wicky war noch zurückhaltend, was Einsätze von Okafor auf oberster Stufe betraf. Doch als zu Beginn der Spielzeit 2018/2019 die rot-blaue Sache nicht so richtig ins Rollen kam und Alex Frei sich nach der frühen Entlassung Raphael Wickys für ein paar Tage als Interimstrainer zur Verfügung stellte, da gab er Noah Okafor, den er selbst als Nachwuchstrainer in der U18 schon betreut hatte, sofort eine Chance gegen Neuchâtel Xamax. Okafor kam, sah und traf sofort zur 1:0-Führung der Rot-Blauen, die sich am Ende indes mit einem 1:1 benügen musste. Schliesslich führte ihn Marcel Koller immer näher an die Stammformation heran, am Ende der Saison standen 24 Einsätze und drei Tore, er traf auch beim einzigen Punktgewinn der Saison gegen den BSC Young Boys zum 2:2-Ausgleich.

Die Fussballfamilie

Die Okafors sind eine Fussballfamilie, im basellandschaftlichen Arisdorf beheimatet. Der Vater ist Nigerianer, die Mutter Schweizerin. Und Noahs jüngere Brüder Isaiah (in der FE14) und Elijah (er stand eben mit der U16 des FCB im Schweizer Meisterschaftsfinal, das gegen Luzern 1:2 verloren ging) spielen ebenfalls mit guten Perspektiven beim FC Basel 1893. Vor drei Jahren war Noah zu Hause ausgezogen und liess sich im Wohnhaus des FCB im Gellert nieder. Er hatte von dort kürzere Wege zum Training und zur
Sportklasse in Muttenz und so seine Ziele noch fokussierter vor Augen. Nachdem die Schule erfolgreich abgeschlossen war, zog er wieder zu den Eltern nach Arisdorf, machte den Führerschein.

Noah Okafor ist mit Fussball aufgewachsen. Sein Vater Christian ist schon im Teenageralter aus Nigeria ausgewandert, er hatte dort nicht viele Möglichkeiten, Fussball zu spielen. «Der nächste Platz lag 25 Kilometer entfernt, einen Bus dorthin gab es nicht.» In Europa hat er einmal für den SSV Ulm in der dritthöchsten deutschen Liga gespielt. Die Schwester von Noah Okafor spielte einst Volleyball. Für ihn und seine jüngeren Brüder aber gab es immer nur eines: Fussball.

Ein Rückschlag

Im Club seines Wohnortes Arisdorf begann Noah Okafor mit dem Fussballspielen, doch schon nach wenigen Monaten war er – in einem Testspiel gegen den FC Concordia Basel – den Talentsichtern des FC Basel aufgefallen. Es gab ein Probetraining und den Wechsel. Seit der U-9 spielt er für den FC Basel, wurde auf allen Stufen Schweizer Nachwuchsmeister. Vor drei Jahren hat ihn eine Schambeinentzündung mehrere Monate ausser Gefecht gesetzt. Sechs Monate dauerte es bis zur Genesung, weitere Monate, bis er wieder der Alte war. Er hat in dieser Phase mit einem Mentalcoach gearbeitet, er hat mit spezifischen Übungen seine Rumpfmuskulatur gestärkt, er wollte positiv zurückkehren. Das ist ihm, das lässt sich aus heutiger Perspektive mit aller Gewissheit sagen, ideal gelungen.

Seit der U-15 spielt Noah Okafor für die Schweizer U-Nationalteams – und seine zweite Heimat Nigeria liess nichts unversucht, ihn für die dortigen Auswahlen zu rekrutieren. Gerade die Perspektive der Olympischen Spiele 2020 in Tokio war für ein nigerianisches U-23-Nationalteam reizvoll. Am liebsten mit Noah Okafor, diesem in der Schweiz ausgebildeten Talent. Doch Okafor entschied sich mit der Familie für die Schweizer Auswahl. «Ich habe das Interesse von beiden Nationen gespürt. Es ging viel hin und her. Nun bin ich glücklich und stolz, jetzt für die Schweiz debütiert zu haben. Das habe ich mit der Familie so entschieden, auch, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin und von Klein auf hier Fussball spiele», liess sich Okafor nach dem Debüt gegen England zitieren.

Der Entscheid für die Schweiz

Immer wieder gab es auch interessierte Clubs aus dem Ausland, die Okafors Ausbildung gerne vollendet hätten. Okafor selbst nahm diese Dinge stets gelassen. «Ich konzentriere mich auf den Fussball, mein Vater hilft mir, wenn es Anfragen gibt. Ich bin ein Spieler, der sich immer durchsetzen will. Und ich denke, wer sich in der Schweiz nicht durchsetzen kann, der wird es auch im Ausland schwer haben», erklärt er seine Haltung. «Ich wollte in Basel bleiben, denn der FCB ist mein Heimatclub und hat alles für meine Entwicklung getan.»

Auch das war eine gute Idee. Er ist nun jener Spieler des Jahrgangs 2000, der seine Entwicklung am intensivsten vorantreiben konnte. Weil er in der Schweiz den Weg in die Super League ging und sich dort mit seinem Talent, seiner Schnelligkeit, seinen individuellen Fähigkeiten festsetzen konnte und jene Eigenschaften mitbringt, die auch einem Nationaltrainer nicht entgehen und ihn veranlassen einen Spieler sehr jung in die Gruppe zu integrieren.

(Rotweiss/ds)

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